Stottern behindert, aber (nicht) nur beim Sprechen!

von Christoph Lotz

In etwas abgewandelter Form wird unser Wahlspruch, den stotternde
Menschen sich seit Jahren als Button an die Brust heften, ins Gegenteil verkehrt. Ein gut gemeinter Spruch, der uns stotternden Menschen Mut machen soll. Aber die Realität sieht leider häufig anders aus.

Seit Gründung der Selbsthilfebewegung wird leidenschaftlich und teilweise auch dogmatisch über die Frage diskutiert, ob stotternde Menschen ihr Stottern als Behinderung anerkennen lassen sollen oder nicht. Die Gegner führen bspw. an, dass man sich als anerkannter Behinderter "gehen lassen"- und aufhören könnte, an seinem Sprechen zu arbeiten. Die Befürworter weisen hingegen darauf hin, dass der Gesetzgeber nun einmal für behinderte Menschen spezielle Instrumente zur Unterstützung und zum Schutz bereit stellt, die zu nutzen nur recht und billig ist.

Unabhängig von der zuvor dargestellten Diskussion soll dieser Beitrag in lockerer Folge klären, ob und inwieweit Stottern eine gesetzlich anerkannte Behinderung darstellt, welche Ansprüche die Betroffenen daraus herleiten können und welche konkreten Schritte Betroffene unternehmen müssen, um Stottern als Behinderung anerkannt zu bekommen (Antrag, Widerspruch, Klage, Gutachten etc.).

1.) Was ist eine Behinderung?

Ob ein bestimmter Zustand unseres Körpers eine Behinderung darstellt, richtet sich nach § 2 Abs. 1 Sozialgesetzbuch neuntes Buch - Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen - (SGB IX):

"Menschen sind behindert, wenn die körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilnahme am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist".

Ein physischer oder psychischer Zustand ist also dann eine Behinderung, wenn

      • er mindestens sechs Monate andauert,
      • vom Regelzustand abweicht und
      • mit sozialen Beeinträchtigungen verbunden ist.

Die Auswirkung auf die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft werden als Grad der Behinderung (GdB) nach Zehnergraden abgestuft festgestellt (§ 69 Abs. 1 Satz 3 SGB IX). Liegen mehrere Funktionsbeeinträchtigungen vor, so sind zwar die jeweiligen Einzel-GdB-Grade anzugeben, bei der Ermittlung des Gesamt-GdB-Grades durch alle Funktionsbeeinträchtigungen dürfen jedoch die einzelnen Werte nicht addiert werden. Hierbei ist vielmehr von der Funktionsbeeinträchtigung auszugehen, die den höchsten GdB-Grad bedingt, und dann im Hinblick auf alle weiteren Funktionsbeeinträchtigungen im Zuge einer ärztlichen Gesamtschau zu prüfen, ob und in wie weit hierdurch das Ausmaß der Behinderung größer wird, ob also wegen der weiteren Funktionsbeeinträchtigungen dem ersten GdB-Grad 10 oder 20 oder mehr Punkte hinzuzufügen sind, um der Beeinträchtigung insgesamt gerecht zu werden.

Auf den ersten Blick sollte sich das Stottern leicht unter diese Voraussetzung subsumieren lassen: Stottern ist regelmäßig von Dauer, wenn auch in der Intensität schwankend. Andernfalls müssten wir uns über das Thema keine Gedanken machen. Dass Stottern vom Regelzustand des flüssigen Sprechens abweicht, ist auch klar. Und die sozialen Beeinträchtigungen kann jeder nachempfinden, der sich mit Herzklopfen an die Käsetheke stellt, die Kunden vor sich zählt, immer wieder die gewünschte Käsesorte (Aaappenzeller) durch die Gehirnwindungen jagt und sich dann in letzter Sekunde doch den abgepackten Plastikgouda aus der SB-Theke greift. Und dann erst bei der Partnersuche und Berufswahl ... Also 100 % gefühlte Behinderung, aber was sagt das Gesetz dazu?

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